Pendlerpauschale: Klingt gut, hilft aber nicht sofort
Friedrich Merz will die Pendlerpauschale erhöhen und die Stromsteuer senken. Das klingt zunächst vernünftig. Doch bei näherem Hinsehen ist es vor allem Politik für die Überschrift. Denn die diskutierte Erhöhung der Pendlerpauschale würde nicht sofort wirken, sondern erst im kommenden Jahr steuerlich spürbar werden. Wer heute an der Zapfsäule oder bei der Stromrechnung unter Druck steht, hat davon jetzt noch nichts. Genau das ist der entscheidende Punkt: Es werden schnelle Signale gesendet, aber keine schnellen Lösungen geliefert. Allerdings bleibt ohne Strommarktreform eine nachhaltige Verbesserung aus.
Das eigentliche Problem liegt bei der Strompreisbildung
Noch deutlicher wird die Schieflage beim Strom. Natürlich kann eine Senkung der Stromsteuer entlasten. Aber wer so tut, als ließe sich das eigentliche Problem damit beheben, greift viel zu kurz. Denn hohe Strompreise entstehen nicht nur wegen Steuern und Abgaben. Sie entstehen auch wegen der Art, wie der Strompreis überhaupt gebildet wird. Daher ist eine Strommarktreform besonders relevant.
Merit Order: Warum günstiger Strom trotzdem teuer werden kann
Die Merit Order ist im Grunde einfach erklärt. Kraftwerke werden danach sortiert, wie teuer es für sie ist, noch eine zusätzliche Einheit Strom zu erzeugen. Die günstigsten kommen zuerst zum Einsatz, die teureren später. Solange Strom gebraucht wird, werden weitere Kraftwerke zugeschaltet. Das Kraftwerk, das am Ende gerade noch nötig ist, um die Nachfrage vollständig zu decken, bestimmt dann den Preis für alle. An diesem Punkt zeigt sich, wie wichtig eine umfassende Strommarktreform ist.
Genau darin liegt das Problem. Selbst wenn ein großer Teil des Stroms günstig aus Wind oder Sonne kommt, orientiert sich der Preis am letzten und oft deutlich teureren Kraftwerk. So kann günstiger Strom am Ende teuer werden. Genau deshalb reicht es nicht, nur an der Stromsteuer zu schrauben. Wer echte Entlastung will, muss an die Preisbildung ran und eine Strommarktreform anstoßen.
Wenn Strom da ist, aber nicht genutzt werden kann
Hinzu kommt die nächste Absurdität: In Deutschland zahlen wir teilweise sogar für Strom, den wir gar nicht sinnvoll nutzen. Wenn eine hohe und unflexible Stromerzeugung auf eine gleichzeitig niedrige Nachfrage trifft, entstehen negative Strompreise. Strom lässt sich nur begrenzt speichern und muss stets einen Abnehmer finden, damit das Netz stabil bleibt. Wenn also viel Wind- und Solarstrom im System ist, aber zu wenig Verbrauch, zu wenig Speicher oder zu wenig Netzkapazität vorhanden sind, kippt das System ins Absurde. Dann wird Strom produziert, der nicht dort ankommt, wo er gebraucht wird, und das kostet am Ende zusätzlich Geld. In diesem Zusammenhang wäre eine Strommarktreform sinnvoll.
Netzengpässe zeigen die Schwäche des Systems
Dazu kommen die Netzengpässe. Anlagen werden gedrosselt, andere hochgefahren, Strom wird also nicht immer dort genutzt, wo er gerade sauber und günstig erzeugt wird. Das zeigt doch das eigentliche Problem: Nicht die erneuerbaren Energien sind der Fehler, sondern ein System, das Erzeugung, Netze, Speicher und Verbrauch noch immer nicht intelligent genug zusammenbringt. Viele Expert:innen sehen in einer Strommarktreform eine mögliche Lösung für diese Schwächen.
Solardächer sind ein Schlüssel für mehr Unabhängigkeit
Deshalb müssen wir endlich viel konsequenter auf Solarenergie auf unseren Dächern setzen. Das ist kein ideologischer Wunsch, sondern schlichte Vernunft. Auf unseren Dächern liegt ein erheblicher Teil der Antwort bereits bereit. Wohnhäuser, Gewerbedächer und öffentliche Gebäude können einen viel größeren Beitrag zur Stromversorgung leisten, als es heute der Fall ist. Im Rahmen einer Strommarktreform wäre die Förderung solcher Lösungen besonders wichtig.
Dieser Ausbau wäre nicht nur gut für das Klima, sondern auch für unsere Unabhängigkeit. Wer Strom direkt vor Ort erzeugt, macht unser Land robuster gegen internationale Krisen, Preisschocks und politische Erpressbarkeit. Heimische erneuerbare Energien stärken nicht nur die Versorgung, sondern auch die Souveränität unseres Landes; eine Strommarktreform könnte diese Vorteile weiter ausbauen.
Elektromobilität ist auch Energiepolitik
Und in dieses Bild gehört auch die Elektromobilität. Sie ist nicht nur Verkehrs-, sondern auch Energiepolitik. Wer sein Fahrzeug mit heimischem Strom lädt, idealerweise mit Strom vom eigenen Dach oder aus heimischen erneuerbaren Energien, macht sich ein Stück unabhängiger von Ölimporten und internationalen Krisen. Elektromobilität ist deshalb ein Baustein für mehr Freiheit, mehr Resilienz und mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit. Auch Elektromobilität profitiert von einer funktionierenden Strommarktreform, die das Energiesystem zukunftsfähig macht.
Die alte Energiewirtschaft denkt noch zu zentral
Umso unverständlicher ist es, dass viele Debatten noch immer in den Denkmustern der alten Energiewirtschaft feststecken. Aus meiner Sicht haben viele lokale Stromversorger gar kein großes Interesse daran, dass Bürgerinnen und Bürger selbst Strom erzeugen, speichern und womöglich noch ihr Elektroauto als Teil eines intelligenten Energiesystems nutzen. Wer zentral erzeugten Strom verkaufen will, denkt naturgemäß anders als jemand, der echte Dezentralität will. Hier wäre die Strommarktreform ebenfalls ein wichtiger Schritt für mehr Dezentralität.
Und auch auf Bundesebene fehlt mir der Mut zum echten Systemwechsel. Für mich steht Katherina Reiche personell eher für die alte Energiewirtschaft als für einen entschlossenen Neuaufbruch. Übrigens, eine Strommarktreform könnte helfen, diesen Wandel zu beschleunigen.
Deutschland braucht eine echte Reform statt Symbolpolitik
Mein Fazit ist deshalb klar: Eine höhere Pendlerpauschale und eine niedrigere Stromsteuer mögen sich politisch gut anhören. Aber das ist am Ende vor allem Kosmetik. Die Pendlerpauschale wirkt erst später, und die Stromsteuer greift zu kurz. Wer Menschen wirklich entlasten und Deutschland unabhängiger machen will, muss die Strompreisbildung reformieren, negative Preise und Abregelung reduzieren, Speicher und Netze ausbauen, Solardächer massiv voranbringen und Elektromobilität als strategische Chance begreifen. Deutschland braucht keine Energiepolitik von gestern. Abschließend ist festzuhalten: Eine Strommarktreform ist für die Energiezukunft Deutschlands unverzichtbar. Deutschland braucht endlich den Mut, das System wirklich zu modernisieren.
